Bericht von der Konferenz „Cables of Resistance“ vom 10. – 12. April in Berlin.
Diese Konferenz ist auch eine Drohung, meinte einer der Organisator*innen bei der Eröffnung, wir wollen nicht nur diskutieren, wir wollen uns organisieren – gegen Big Tech, was in diesem Zusammenhang nicht nur google, Microsoft und Amazon meinte, sondern auch Plattformen wie Uber, sowie Tesla und Palantir und vor allem deren KI; alle jene multinationalen Konzerne also, die von den Milliardären des Silicon Valley betrieben oder zumindest gegründet wurden. Auch die künstliche Intelligenz braucht einen nähere Spezifizierung: es geht um generative künstliche Intelligenz, die selbständig Inhalte generiert, also um die in den letzten Jahren gehypten Large Language Models, die als großer Durchbruch im positiven wie im negativen Sinn gewertet werden, nach Ansicht von Kritikern aber kaum mehr sind als ein Marketinggag, allerdings ein gefährlich destruktiver.
Soviel zur Vorrede. Die Überraschung: das war keine Konferenz von Computernerds, es ging nicht um Datenschutz und auch erst in zweiter Linie um Überwachung. Es war eine Konferenz organisiert von einer Bewegung, die wieder aus dem Zusammenschluss mehrerer Bewegungen entstanden ist, durch zum Teil überraschende Allianzen. Es war den Organisator*innen wichtig zu betonen: Vertreter*innen von NGOs sind hier, Wissenschaftler*innen und sogar einige Gewerkschafter, aber organisiert wurde die Konferenz ausschließlich „von unten“. Welche Bewegungen waren es also, die die Organisation gestemmt haben, und warum?
Stadtentwicklung
In Berlin – und auch in anderen Städten Deutschlands und z.B. auch in Zürich – haben Techkonzerne in den letzten Jahren großzügig gebaut, Büros, Wohnungen, Veranstaltungsräume. Es hat sich gezeigt, dass diese Unternehmungen massive Auswirkungen auf die jeweiligen Stadtviertel haben. Es kommt zu Gentrifizierung, einem Anstieg bei Wohnungspreisen, Erhöhung der Mieten. Und zu einer Privatisierung des öffentlichen Raumes, denn nicht nur die Gebäude selbst, auch die Straßen und Plätze dazwischen wandern ins Privateigentum. Amazon hat in Kreuzberg, also praktisch neben dem Konferenzgebäude, einen großen „Turm“, Wohnungen, Büros gebaut. Die Anwohner*innen hatten sich jahrelang dagegen ausgesprochen, konnten den Bau nicht verhindern und auch nicht, dass sich Amazon dort einmietet. Der Platz davor gehört ebenfalls Amazon, ist also nicht mehr öffentlicher Raum. Zudem treiben die gleichen Plattformen die Überwachung des öffentlichen Raumes voran. Da waren also die Bewegungen um Stadtpolitik, für leistbares Wohnen, für die Verteidigung des öffentlichen Raumes, allen voran „Berlin vs Amazon“, außerdem dabei Lause Berlin.
Umwelt und Klima
In Grünheide, in Brandenburg, wurde vor einigen Jahren ein Teslawerk gebaut. Gegen den Widerstand von Umweltaktivist*innen und gegen den Rat von Expert*innen, denn die Fabrik braucht enorm viel Wasser und wurde in einem Trinkwasserschutzgebiet gebaut, Wald wurde dafür abgeholzt, die Umweltverträglichkeitsprüfung erfolgte erst nach Fertigstellung. Die zweite führende Gruppe war daher „Tesla den Hahn abdrehen“. Die Aktivist*innen konnten den Bau nicht verhindern, aber die geplante Erweiterung.
Ein weiteres Problem sind die großen Datenzentren, die für die genKI gebraucht werden. Auch sie werden häufig auf der grünen Wiese, oder schlimmer noch, in ehemaligen Waldgebieten gebaut. Sie verbrauchen enorme Mengen an Energie und Wasser. Häufig werden dafür eigene Kraftwerke gebaut, in den USA sind auch – die angeblich harmlosen „kleinen“ – Atomkraftwerke dafür geplant. Häufig werden sie von der Politik umworben und die Umweltanforderungen werden nicht so genau genommen. Von daher kam es zu Vernetzungen mit anderen Bewegungen, die in Kämpfen um Wald und Wasser engagiert sind.
Wir arbeiten nicht für Kriege
Überraschend die dritte Gruppe: die Tech Worker’s Coalition. Eine Organisation von Menschen, die in diesen Konzernen arbeiten, es ging um Arbeitsbedingungen, Betriebsräte wurden durchgesetzt. Es ging aber immer mehr auch darum, wofür ihre Arbeit verwendet wird. Ihre Argumente: wir wollen nicht für den Krieg arbeiten, wir wollen nicht für den Genozid arbeiten. Der Genozid in Palästina ist der erste, der auf der Basis von künstlicher Intelligenz durchgeführt wird. Palantir stellt die Instrumente zur Verfügung, die aber befinden sich in den Clouds von Google und Amazon, und diese Clouds werden von den Technikern in den USA und in Europa gewartet, nicht vor Ort.
Eng damit verbunden ist eine Initiative die sich „No Tech for Apartheid“ nennt. In den USA entstanden hat sie auch in Europa Fuß gefasst und ist nicht nur für Techniker*innen offen. Sie waren sehr inspiriert von den Blockaden der italienischen Hafenarbeiter, die sich weigern Schiffe nach Israel mit kriegstauglichem Material zu beladen. Das „blocchiamo tutto“ hat sie motiviert mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Ihr Argument: wir sitzen ein zentralen Stellen der für den Krieg verwendeten Infrastruktur, genau so, wie die Hafenarbeiter die Handelsströme blockieren können, können wir diese Clouds abschalten. Am 30 April gab es in Turin ein Treffen zwischen beiden.
Der Einsatz von KI für den Genozid in Gaza war auch der Grund, warum sich Initiativen der Palästina-Solidarität der Konferenz angeschlossen haben, ebenfalls ein Partnerschaft, die man nicht unbedingt erwarten würde.
Alle diese Bewegungen sind entstanden aus den konkreten Auswirkungen von Big Tech Unternehmen auf das tägliche Leben von Menschen und nicht aus polittheoretischen Überlegungen, was auch das Engagement erklärt.
Eine faschistische Technologie
Etwas abstrakter und theoretischer ging es beim letzten Thema zu: auch antifaschistische Gruppen waren stark vertreten. Ihr Standpunkt: Diese Technologien dienen grundsätzlich der Durchsetzung faschistoider Ziele, zu diesem Zweck wurden sie entwickelt. Sie basieren auf einer menschenverachtenden Ideologie, sind das Ergebnis von massiver Gewaltanwendung durch das Recht des Stärkeren, sie können deshalb nicht für emanzipatorische Zwecke verwendet werden. Wer sie nutzt akzeptiert die darin manifeste Gewalt. Besonders prägnant der Input von @tante, hier ein längerer Text von ihm auf Englisch.
Resumee
Am Ende stand das Resumee, es gibt Anwendungen, für die es sich lohnt, die Infrastruktur zu demokratisieren, auch dafür gab es Vorschläge. Für genKI gibt es allerdings nur eine Lösung: schließen. Was auch sehr deutlich wurde, die derzeit von europäischen Politiker*innen viel propagierte europäische „Datensouveränität“ ist auch nicht besser. Wir wollen auch keine europäischen Datenzentren, sie sind genau so umweltschädlich wie die amerikanischen.
Und weiter: es gibt viele NGOs die wichtige Dinge machen, es gibt Wissenschaftler*innen, die interessante Bücher schreiben, wir kennen alle Probleme, wir kennen auch die Lösungen. Aber zu wirklichen Veränderungen braucht es den Druck von unten, aus der Bewegung!
PS: Kaum zurück lese ich, dass google endlich sein erstes Datenzentrum in Oberösterreich baut, welche Freude, viele Jobs und Konjunkturbelebung, und natürlich alles energieeffizient und klimafreundlich …
