Und, wenn ja, was tun?

 

* * Erstens Der Körper * *

Silvia Federici ist eine in den USA lebende italienische Feministin in deren Arbeiten – wie überhaupt im Feminismus der 1970er und 80er-Jahre – der Körper eine zentrale Rolle einnimmt. Der Körper ist politisch, ist Ort politischer Auseinandersetzung, Objekt kapitalistischer und patriarchaler Gewalt, und auch Ort des Widerstands.

In ihrem letzten Buch „Jenseits unserer Haut“ (wer Silvia Federici kennt, wird dort wenig Neues finden, außer die letzten beiden Kapitel, eines davon gemeinsam mit George Caffentzis, die ich allerdings in Bezug auf die aktuelle Situation sehr aufschlussreich fand) widmet sie eben das letzte Kapitel dem „Tanzenden Körper“. In den Kapiteln davor geht es darum, dass das Kapital als gesellschaftliche Kraft immer versucht hat, Menschen in Arbeitskräfte für die Profitmaximierung zu verwandeln, Menschen sollten funktionieren wie die Maschinen des Industriezeitalters, sie sollten praktisch zu „Arbeitsmaschinen“ werden, dieser Prozess vollzog sich, häufig gewaltsam, über den Körper. Dass die Menschen sich dagegen immer gewehrt haben, ist Teil des Entwicklungsprozesses des Kapitalismus. Heute ist das Modell für diese „Arbeitsmaschinen“ der Computer. Unsere Körper und Hirne sollen funktionieren wie Computer, ohne Emotionen, absolut rational, möglichst ohne Ermüdungserscheinungen.

Die aktuellen Entwicklungen weisen in diese Richtung. Wir kommunizieren immer weniger direkt miteinander, immer mehr über – oder überhaupt mit – elektronischen Geräten. Wer Beziehungsprobleme hat, fragt ChatGPT, medizinische Informationen gibt Dr. Google und selbst Sex findet immer häufiger via Computer statt. Erotik sei einfacher am Computer, wenn ein echter Mensch beteiligt sei, werde es viel schwieriger, meinte eine italienische Schauspielerin im Interview … Ein häufig diagnostiziertes Problem: wir verlernen immer mehr, miteinander zu reden, einander zuzuhören.

Der Tanzende Körper

Vor diesem Hintergrund, was bedeutet dann Widerstand, und welche Rolle spielt dabei der Körper? Ich zitiere Federici (meine etwas verkürzte Übersetzung aus dem Italienischen, also vermutlich nicht wortwörtlich gleich und auch nicht so schön wie die Übersetzung im deutschen Buch 😉 ):

Unser Kampf muss mit der Wiederaneignung unseres Körpers beginnen, mit der Wiederentdeckung seiner Bedeutung und seiner Fähigkeit zum Widerstand, damit, dass wir seine individuellen und kollektiven Kräfte feiern.

Der Tanz ist ein wichtiges Mittel für diese Wiederaneignung. Er ist in seiner Essenz ein Erforschen und Erfinden dessen, was der Körper leisten kann: seiner Fähigkeiten, seiner Sprache, seines Ausdrucks dessen wie wir Mensch sein wollen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass im Tanz eine Philosophie liegt, weil er die Prozesse abbildet, mit denen wir uns mit der Welt und mit anderen Körpern verbinden, mit denen wir uns selbst und den Raum, der uns umgibt, verändern. Im Tanz lernen wir, dass Materie weder dumm, noch blind ist und auch nicht mechanisch funktioniert, sondern ihre Rhythmen und Sprache hat, sich selbst aktiviert und organisiert. Es existiert eine Vernunft des Körpers, die wir lernen müssen, zu erkennen, wieder zu entdecken und neu zu erfinden. Wir müssen seiner Sprache zuhören, die uns den Weg dahin weist, für unsere Gesundheit zu sorgen. In gleicher Weise müssen wir der Sprache und den Rhythmen der Natur zuhören, die uns den Weg weisen, für die Gesundheit der Erde zu sorgen. Die Kraft zu beeinflussen und beeinflusst zu werden, zu bewegen und bewegt zu werden, eine widerständige Fähigkeit, die erst mit dem Tod endet, ist ein Bestimmungsmerkmal des Körpers. Ihm wohnt eine politische Kraft inne: die Fähigkeit sich zu verwandeln, andere zu verwandeln und die Welt zu verändern.

Dem ist erst einmal nichts hinzuzufügen.

 

* * Zweitens Empathie * *

Täglich sterben Menschen im Mittelmeer, kaum noch jemand spricht darüber. Nach den Unwettern der letzten Wochen, in denen laut Schätzungen bis zu 1000 Menschen ertrunken sind, werden nun laufend Leichen an den süditalienischen Küsten angespült. Auch das kaum eine Zeitungsmeldung wert. Von der zunehmenden Gewalt gegen Frauen, dem Hass im Internet gar nicht zu reden. Was ist nur mit uns passiert, haben wir jegliche Empathie verloren? Das fragte eine Zuhörerin in einer Radiosendung auf Radio3, und gab damit das Thema vor: Wo ist unsere Empathie geblieben? Verschiedene Expert*innen sprachen darüber, darunter Piero Cecchinato, der einen sehr aufschlussreichen Artikel dazu geschrieben hat (leider nur Italienisch).

Empathie als Bedrohung

Er schreibt dort, dass in den USA die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen als schädlich angesehen wird. Nicht nur Musk hat gemeint, dass Empathie die große Schwäche der westlichen Gesellschaften sei, evangelikale Prediger legen nach: Sie bezeichnen Empathie als Sünde, „Die Empathie ist gefährlich, sie ist toxisch, sie führt uns in die Hölle. Empathie muss aus dem christlichen Vokabular gestrichen werden“. Für die Visionen der MAGA Bewegung ist Empathie gefährlich, ein Zeichen von Schwäche, eine Bedrohung. Nun ist aber Empathie eine angeborene Fähigkeit, körperlich angelegt in den Spiegelneuronen. Darum kann Empathie nur mit Gewalt unterdrückt werden, und das funktioniert unter anderem auch über die Religion, die ja leider immer wieder dazu verwendet wurde, die Interessen der Herrschenden in religiöse Gebote umzudeuten.

Empathie als Form des Widerstandes

Empathie oder auch Solidarität können also eine Form des Widerstandes sein. Wir erlebten es kürzlich in den Straßen von Minneapolis, auch die Begeisterung für die „Flotilla“ nach Palästina im Herbst hat aus meiner Sicht ihre Wurzeln in der gelebten Solidarität. Es ist eine angeborene Eigenschaft des Menschen, zutiefst im Körper verankert, bereits bei Kleinkindern vorhanden. Wenn wir – in unsere Gesellschaft oft unvermutet – darauf stoßen, sind wir zutiefst davon bewegt, können uns kaum ausschließen.

 

* * Drittens Faschismus * *

Ein Freund brachte kürzlich das Thema zur Sprache: seiner Meinung nach bewegen wir uns auf den Faschismus zu, es sei höchste Zeit etwas dagegen zu unternehmen, aber was? Er fragte, was haben die Italiener und Deutschen (und Österreicher) damals vor fast 100 Jahren nicht gemacht, oder falsch gemacht? Sein Vorschlag: alle, die gegen den Faschismus sind, müssten sich, ungeachtet inhaltlicher oder ideologischer Differenzen zusammentun. Schon das blieb in der Diskussion nicht unbestritten, gänzlich offen blieb aber die Frage, wenn wir das schaffen, was genau machen wir denn dann?

Die Frage, ist denn das Faschismus was wir heute an verschiedenen Orten (USA, Israel) erleben, sind wir im Westen grundsätzlich auf dem Weg zum Faschismus, in Anbetracht der rechten Regierungen in vielen europäischen Ländern, auch in Japan, dem Aufstieg von AfD und FPÖ, diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Dazu bräuchte es eine Faschismusdefinition, und auch die sind nicht einheitlich. Persönlich sehe ich viele Parallelen zwischen der heutigen Situation und der der 1930er Jahre, und natürlich auch Unterschiede, weil die Welt sich inzwischen weitergedreht hat. Unabhängig vom Namen finde ich diese Entwicklungen sehr bedrohlich und finde auch, dass wir etwas dagegen tun müssen (das „wir“ lasse ich hier bewusst offen, mag sich anschließen wer will 😉 ). Der Einfachheit halber bleibe ich beim bekannten Wort und gehe davon aus, dass wir in vielen Ländern des Westens gerade ein neue Form des Faschismus heraufkommen sehen, sie in manchen auch schon angebrochen ist. Dann bleibt die Frage, was wir dagegen manchen können.

Faschismus als Kultur des Todes

Adorno und Horkheimer haben in „Dialektik der Aufklärung“ darauf hingewiesen, dass der Faschismus und der Nationalsozialismus keine „Ausrutscher“ waren, keine Pannen in einer an sich positiven Entwicklung seit der Aufklärung. Sie haben ganz klar benannt, dass die rationale Denkweise der Aufklärung, wenn sie sich jeglicher Gefühle und Empathie entledigt, die Straße für den Faschismus bereitet. Die Vernunft selbst werde zum Herrschaftsinstrument, das anstatt in die Befreiung auch in die Selbstzerstörung führen kann. Der Faschismus des vorigen Jahrhunderts war quasi die auf die Spitze getriebene Rationalität, im Zwang, alles zu kontrollieren.

Der deutsche Psychoanalytiker Erich Fromm hat im Buch „Die Kunst des Liebens“ bereits 1956 all diese oben beschriebenen Prozesse vorausgesehen, und unterschieden zwischen einer Kultur des Lebens, einer Liebe zu allem Lebendigen, und einer Kultur des Todes, die alles kontrollieren will und der darum alles Lebendige, per definitionem unkontrollierbar, verdächtig ist und als Bedrohung erscheint. Er hat schon damals diagnostiziert, dass wir in einer Kultur des Todes leben, und das hat sich bis heute noch verstärkt, der Kontrollzwang hat sich inzwischen aufs Klima, die Gene und den Weltraum ausgeweitet.

Wenn ich diese Erkenntnisse nun in Beziehung setze, zu den beiden ersten Themen dieses Textes, sehe ich zweierlei:

Erstens: Der Computer, mit den Weiterentwicklungen zu künstlicher Intelligenz, vor allem den LLMs, weist genau in diese Richtung: er lehrt uns rational zu denken, hat keine Gefühle, tut aber so, als hätte er welche, bindet uns damit an sich anstatt an andere. Soweit stimmt das mit der Diagnose von Federici und Caffentzis überein.

Zweitens: Empathie und Solidarität als Aspekte einer Kultur des Lebens werden im häufiger bestraft, so sollen uns möglichst abtrainiert werden. Menschen ohne Gefühle, die denken wie Computer, sind die Basis des Faschismus, der sich nie nur von oben durchsetzen kann, sondern auch von unten akzeptiert werden muss. Damit komme ich endlich zum Schluss:

 

* * Viertens Widerstand aus feministischer Sicht * *

Wenn all diese Annahmen richtig sind, dann komme ich zu Federici zurück: Unser Widerstand muss davon ausgehen, dass wir uns unsere Körper (und damit auch unsere Empathiefähigkeit) wieder aneignen, ob wir dabei tanzen oder andere Methoden finden, ist zweitrangig, als Metapher finde ich den Tanz jedoch sehr gut, dass wir unsere Beziehungen zueinander und zur Natur stärken, dass wir uns Empathie und Solidarität bewahren. Sie sind starke Gegenkräfte zu faschistischen Tendenzen, die erfolgversprechend sein können, aber auch mit massiver Gegenwehr zu rechnen haben – auch das haben wir beides in Minneapolis gesehen. Empathie und Solidarität sind wirksame Waffen, ob sie ausreichen, weiß ich nicht. Sie sind aber die Voraussetzung dafür, dass wir gemeinsam, so wie von dem Freund oben angedacht, aktiv werden können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert