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Marsch nach Wien

Marsch nach Wien

Seit Oktober 2020 haben wir von Seebrücke, gemeinsam mit anderen, jede Woche Mahnwachen gemacht unter dem Motto „Moria evakuieren – Graz solidarisieren!“. Anlass war natürlich der Brand des Lagers Moria und die untragbare Situation der Menschen, die auf den griechischen Inseln festsitzen, nachzulesen unter anderem auf der Webseite von Doro Blancke. Immer haben wir dabei aber auch auf die Situation an anderen Orten der EU-Grenzen aufmerksam gemacht: darauf, das im Mittelmeer immer noch Menschen sterben und zivile Seenotrettung behindert wird und auf die Menschen, die an der kroatischen Grenze im Nordosten Bosniens zum Teil überhaupt ohne Lager wild im Wald überwintert haben und regelmäßig beim Versuch über die Grenze zu kommen, mit Gewalt zurückgedrängt werden.

Im Jänner ist dann aus einer Initiative von Kunstschaffenden und Aktivist*innen das „Wochenende für Moria“ entstanden, dem sich auch die Seebrücke angeschlossen hat. Nicht nur in Graz sondern in vielen Städten und Gemeinden Österreichs und manchmal auch Deutschlands haben jedes Wochenende trotz Kälte und Schnee Menschen im öffentlichen Raum übernachtet um ihre Solidarität mit den Menschen zu demonstrieren, die das unter viel schlimmeren Bedingungen tun müssen.

Viele verschiedene Menschen, von Kirchen, Menschenrechtsorganisationen, Omas gegen Rechts, Flüchtlingsinitiativen, Künstler*innen und auch migrantische Gruppen, zB die Katib Farsi Bibliothek, eine Organisation von Afghan*innen in Graz zählten zu den regelmäßigen Teilnehmer*innen bei den Kundgebungen Samstag und Sonntag (später dann am Freitag Nachmittag), der syrische Musiker Mulham Abordan hat uns regelmäßig begleitet, entweder live oder aus der Konserve. Die Form des feldstellen*s ist inzwischen zu unserem Markenzeichen geworden. Auch das Medienecho war weitgehend positiv, der politische Erfolg blieb jedoch aus, im Gegenteil, die Situation verschlimmert sich nach wie vor ständig, obwohl sich in letzter Zeit bestätigt hat, was wir ohnehin lange vermutet hatten: neben der Bestätigung der Pushbacks an der slowenischen Grenze sickerte auch durch, dass es seit 2017 im BFA ein internes Anreizsystem gab, dass Angestellte für negative Asylbescheide belohnte (ganz am Ende des Beitrags). Kein Wunder, dass nahezu die Hälfte der negativen Bescheide in zweiter Instanz aufgehoben werden.

Bei vielen Menschen stellte sich im Lauf der Zeit Frustration ein, weil enormes Engagement mit viel Zeitaufwand scheinbar keinerlei Erfolg zeitigte. Aber sinnlos war es trotzdem nicht. Nicht nur, dass uns viele Menschen immer wieder versicherten, wie wichtig diese Stunden mit uns am Platz für sie waren, einfach um sich nicht so alleine und ohnmächtig zu fühlen mit ihrem Zorn und ihrer Betroffenheit, es entstand auch ein großes, starkes Netzwerk von Gleichgesinnten in ganz Österreich und darüber hinaus, und das macht Mut.

Wenn sich nichts bewegt, bewegen wir uns!

Und so entstand die Idee zum Marsch nach Wien. Einerseits weil es einfach notwendig schien, etwas anderes zu machen, die Solicamps hatten auch im Sommer nicht mehr die gleiche Symbolwirkung wie im Winter. Andererseits ging es uns auch darum, dieses Netzwerk wirklich zu erleben, zu stärken und auszubauen. Vom letzten Camp am Karmeliterplatz brachen wir am 12. Juni auf um – mit einem kurzen Abkürzer per Zug – am Freitag, dem 18. Juni in Wien einzumarschieren, wo wir am Umbrella March anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni teilnahmen. Diese Tage waren eine großartige Erfahrung, sowohl durch die Solidarität und das Vertrauen in der Gruppe als auch durch die begeisterte Aufnahme, die wir in den gastgebenden Gemeinden fanden.

Insgesamt waren etwa 30 Menschen unterwegs, nur eine kleine Gruppe ging alle 7 Etappen mit, die anderen wechselten, ich zB setzte einen Tag aus und führ mit dem Zug, weil es mir zu anstrengend war, 7 Tage hintereinander doch ziemlich lange Strecken zu gehen. An den einzelnen Tagen waren zwischen 12 und 17 Personen gemeinsam unterwegs. Der größte Teil der Menschen kannte sich durch die Solicamps, was sicher ein Vorteil war. Aber auch die neu dazu gekommenen konnten sich gut in die Gruppe einfügen. Vielleicht auch, weil man sich halt im Lauf des Tages immer wieder in unterschiedlichen Gruppen zusammenfand, mit verschiedenen Menschen sprach, manchmal auch alleine ging. Es ist mir noch nie passiert, dass ich so lange mit einer Gruppe zusammen war und nie das Bedürfnis hatte, ich bräuchte jetzt dringend eine Zeit für mich alleine. Es entstand das Gefühl, mit dieser Gruppe ist alles möglich!

Die Route

Unsere Etappen waren: Start in Graz Ragnitz – Gleisdorf – Pischelsdorf – Hartberg – Friedberg – Aspang und mit dem Zug nach Traiskirchen – Mödling – Wien.

Die Idee war, die Menschen in den jeweiligen Orten, die sich dort zu dem Thema engagieren, zu treffen, dort mit ihnen im öffentlichen Raum aufzutreten und dort auch in den Zelten zu übernachten. In Gleisdorf, wo die Solidarregion Weiz ebenfalls regelmäßig Solicamps auf dem Hauptplatz organisiert, gab es eine gemeinsame Kundgebung und wir konnten in den Zelten der Gleisdorfer*innen übernachten. Diese Zelte wurden dann bereitwillig mit dem Auto nach Pischesldorf und Hartberg und wieder zurück gebracht. Daraus kann man schon sehen, welch großartige Unterstützung unsere Aktion bei den Gruppen in der Region bekam! In Pischelsdorf konnten wir auf dem Pfarrgrund übernachten und bekamen noch eine Spezialführung auf den höchsten begehbaren Kirchturm der Oststeiermark. In Hartberg schlugen wir auf Einladung des Bürgermeisters unsere Zelte auf dem Campingplatz auf, nicht ohne vorher gemeinsam mit Menschen aus Hartberg das obligatorische feldstellen* auf dem Hauptplatz zu machen, mit Redebeiträgen und Musik. Der einzige Ort, wo wir keine Kontakte hatten war Friedberg. Zum Glück gab es durch private Beziehungen Kontakt zu einem Gasthaus dort, so wurde das der einzige Ort, an dem wir in Zimmern übernachteten (was ja zur Abwechslung auch mal nicht schlecht war) und keine Aktivitäten geplant hatten. Alleine blieben wir trotzdem nicht, dazu mehr weiter unten. Am nächsten Tag ging es per pedes und mit dem Zug bis Traiskirchen, wo wir im Garten der Begegnung empfangen wurden. Unterstützt von der Gemeinde bauen dort Menschen aus Traiskirchen und dem angrenzenden Aufnahmezentrum Gemüse an und verarbeiten dieses auch. Dort gab es zwar keine Aktion im öffentlichen Raum, aber wir bekamen Besuch von Andreas Babler, dem Bürgermeister von Traiskirchen und dem für Integration zuständigen Stadtrat, beides sehr beeindruckende Persönlichkeiten, die ein Beispiel dafür geben, wie der Umgang mit Geflüchteten auch sein könnte.

Obwohl Traiskirchen sicher die Stadt mit den meisten Asylwerber*innen im Verhältnis zur Bevölkerung in Österreich ist, schafft es die Stadtpolitik die positive Stimmung in der Bevölkerung zu halten und Babler wurde bereits mehrfach trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner postiiven Haltung zu den Menschen im Aufnahmezentrum wieder gewählt. Die Menschen in Traiskirchen, erzählte er uns, wissen immer als erstes, wo auf der Welt die aktuellen Konfliktzentren sind. Sie sehen es daran, woher die Menschen kommen, die hier auf ihr Asylverfahren warten. Ganz wichtig sei es, dass nichts nur für „die Flüchtlinge“ gemacht wird, sondern alles für alle, auch für die Einheimischen ist.

In Mödling schließlich waren wir für kurze Zeit dann wirklich Asylsuchende. Es gibt dort eine sehr aktive Gruppe, die auch immer wieder Solicamps auf dem Hauptplatz gemacht hat und uns ihre Zelte für Traiskirchen und Mödling zur Verfügung stellte. Auf Grund eines Missverständnisses hatte aber niemand eine Kundgebung für diesen Tag angemeldet, so dass wir plötzlich keinen Platz zum Übernachten hatten. Dann haben einige Leute 10 Minunten telefoniert und plötzlich gab es drei Übernachtungsmöglichkeiten! Ein Privathaus mit Garten, das Kloster St. Gabriel und einen Hof beim Haus der Pfadfinder, auf den dann die Wahl fiel. Am letzten Tag wanderten wir von Mödling nach Wien in die Stadt hinein bis zum Ballhausplatz und nahmen dann an der Kundgebung am Heldenplatz teil. Einige gingen auch noch den Umbrella-March bis zum Yppenplatz mit, ich muss zugeben, ich habe diesen Weg mit der Straßenbahn zurück gelegt, wie auch noch einige andere.

Angekommen vor dem Bundeskanzleramt

Die Menschen

Von einigen Menschen habe ich ja schon berichtet, zB von Andreas Babler und den Menschen, die in Mödling ihre Netzwerke so erfolgreich genutzt haben. Auch die ganz besondere Stimmung in der Gruppe der Wandernden habe ich schon angesprochen. Aber es gab ja viel mehr Begegnungen!

Es war berührend, wie sehr wir an den einzelnen Stationen umsorgt wurden. Nicht nur dass die Zelte herumgeführt wurden und auch das eine oder andere Gepäckstück transportiert. Wir wurden mit Abendessen und Frühstück versorgt, manchmal reichte es auch noch für Lunchpakete. Man spürte die Freude darüber, dass wir zu ihnen „in die Provinz“ kamen, aber auch für uns war es sehr bereichernd zu sehen, wie sich die Menschen in kleinen Dörfern oder Städten organisieren und was sie dort auf die Beine stellen können, aber auch wie unterschiedlich sich die Aktivitäten entsprechend den lokalen oder regionalen Gegebenheiten gestalten.

Sind es in Gleisdorf Menschen von der Solidarregion Weiz, die ganz konkret Familien aufnehmen und versorgen wollen, so war es in dem kleinen Ort Pischelsdorf Menschen von der Kirche, die uns willkommen geheißen haben und wir lernten dort auch den Künstler Richard Frankenberger kennen, der in seinem Kunstraum eine Gruppe progressiver Menschen zusammen bringt. (Genau genommen, haben einige aus der Gruppe ihn schon gekannt, weil er in der Ortweinschule ihr Lehrer war – wie bereits erwähnt, das Wochenende für Moria ist aus der Kunstszene heraus entstanden). Er schloss sich uns dann auch für einen Tag an und ging die nächste Etappe gemeinsam mit seinem Sohn bis Hartberg mit uns. Auch in Hartberg gab es wieder eine berührende Kundgebung auf dem Hauptplatz und ein ausgiebiges Frühstück am nächsten Morgen und wieder kam spontan eine Mitwanderin für die nächste Etappe dazu.

Und, wie ebenfalls schon erwähnt: in Friedberg hatten wir keine Kontakte, daher auch nichts vorgeplant außer die Übernachtung im Gasthaus. Aber eine Frau aus Hartberg rief eine Freundin in Friedberg an und die Dinge nahmen ihren Lauf. Unterwegs hielt plötzlich neben uns ein Auto an und ein Mann in Radlerkleidung stieg aus. „Gut, dass ich euch treffe, ich bin der Pfarrer von Dechantskirchen (das ist ein Nachbarort). Ich habe schon gehört, dass ihr kommt, ich komme euch heute abend besuchen“. Er kam zwar nicht am Abend, sondern am nächsten Tag in der Früh und erzählte uns über die verschiedenen, für eine so kleine Gemeinde durchaus beeindruckenden, Aktivitäten seiner Pfarrgemeinde. Dann kam der erste Anruf – der Integrationsbeauftragte der Gemeinde Friedberg: „Kann ich euch helfen, soll ich euch entgegen kommen und schon eimal Rucksäcke mitnehmen?“ Das hat er dann auch gemacht, etliche Rucksäcke und drei müde Wanderinnen wurden die letzten Kilometer mit dem Auto gefahren. Wenig später der nächste Anruf: eine Abordnung von SOS Mitmensch aus Oberwart, die dort nicht nur Asylwerbende betreuen sondern auch Solicamps gemacht hatten, wollte am Abend ebenfalls zu uns stoßen. Oberwart liegt zwar im Burgenland, aber nicht weit von Friedberg. Und so kam es, dass wir dann genau in dem Ort, wo wir niemand gekannt hatten, in großer Runde auf der Terrasse des Gasthofes zu Abend gegessen haben. Und noch andere Menschen im Ort sprachen uns an – „wir haben schon von euch gehört“. So funktioniert das noch auf dem Land.

Aber nicht nur an den Etappenorten, auch unterwegs gab es viele Begegnungen. Unsere Gruppe erregte Aufsehen. „Geht’s pilgern?“ – „Ja, sowas Ähnliches. Wir gehen nach Wien zum Bundeskanzler!“ Und erstaunlich oft meinten Menschen, es sei wichtig, dass wir das tun, was das Vorurteil widerlegt, am Land seien die Menschen eben konservativ. Natürlich gab es den einen oder die andere, die anderer Meinung waren, aber die gibt es ja auch in der Stadt zur Genüge. Häufiger aber ernteten wir Zustimmung. Zu unserer Bekanntheit beigetragen hatten auch die Medien. Die Kleine Zeitung hatte ausführlich über unseren Aufbruch von Graz berichtet, ein Reporter + Kameramann vom ORF Steiermark begleiteten uns einige Stunden lang und sendeten im Hauptabendprogramm einen sehr positiven Beitrag, der offenbar auch von vielen gesehen wurde. Denn immer wieder trafen wir Menschen, die meinten, sie hätten schon von uns gehört, schön, dass ihr da vorbei kommt. Einmal gab es eine spontane Einladung zu einer vormittäglichen Jausenpause.

In Mödling stießen noch eine Frau aus Innsbruck und eine aus Schwechat zu uns, um die letzte Etappe mit uns zu gehen. In beiden Städten hatte es auch Solicamps gegeben, in Innsbruck hatte diese Idee auch ihren Ausgangspunkt genommen. Und bei der Kundgebung auf dem Heldenplatz traf ich schließlich noch eine ehemalige Kollegin von der Volkshilfe in Bad Aussee und erfuhr: auch dort hatte es Solicamps gegeben! Und inzwischen habe ich durch die Aktion Rettungskette für Menschenrechte noch mehr aktive Menschen aus verschiedenen Regionen kennengelernt, zB aus Schladming oder der Region um Leoben. Das Netzwerk wächst und das ist gut so – auch wenn oder gerade weil mit dieser Regierung nichts mehr gehen wird, ist es umso wichtiger diese Bewegung am Leben zu halten und nicht zu resignieren, denn Menschenrechte und Menschenwürde dürfen nicht politischen Machtspielen geopfert werden.