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Eine Woche Velika Kladuša

Die gute Nachricht zuerst: der Frühling kommt auch nach Velika Kladuša. In der Woche, die ich hier bin, hat sich die Vegetation deutlich verändert, viele Blumen blühen, die Bäume sind mit weißen Blüten übersäht. Es gibt richtig warme Tage zum draußen sitzen, auch wenn es in der Nacht manchmal noch friert.

Und wenn es wärmer wird, bessert sich natürlich auch die Situation der Menschen, die keine feste Unterkunft haben. Auf der Wiese gegenüber vom Camp sitzen viele von ihnen tagsüber in Gruppen zusammen in der Sonne, nicht nur solche, die keinen Platz im Camp haben.

Eine Richtigstellung zum ersten Blogeintrag: ich bin am Samstag angekommen und am Wochenende war der Eindruck tatsächlich, das mehr als die Hälfte der Menschen, die in der Stadt sichtbar sind, nicht hier wohnen. Während der Woche, wenn viele Schüler*innen unterwegs sind und auch sonst mehr Menschen ihrer Beschäftigung nachgehen, verschiebt sich das Verhältnis ein wenig, der Prozentsatz ist aber immer noch hoch. Das scheint mir aber auch ein Zeichen dafür zu sein, dass viele Menschen sich in ihrer Stadt einfach nicht mehr wohlfühlen, wenn sie am Wochenende eher nicht mehr rausgehen. Im Stadtpark etwa sieht man fast nur Flüchtlinge, Einheimische kommen dort kaum noch hin.

Nach einer Woche habe ich aber auch mehr Dinge mit eigenen Augen gesehen, manche besser verstanden und traue mich nun auch die Situation etwas objektiver darzustellen. Sie bleibt absurd und irrational, dazu kommen Wut und Ohnmachtsgefühle. Wut über die Arroganz der EU und besonders der österreichischen Regierung, die die Situation hier hauptsächlich zu verantworten hat, auf IOM, auf die bosnische Regierung und die Stadtregierung, die sich vor allem durch Nichtstun hervortun. IOM wird von der EU finanziert, hat aber entweder zu wenig Geld oder keinen ausreichenden Auftrag, oder die EU kümmert sich nicht darum, was mit dem Geld geschieht. Und Ohnmachtsgefühle angesichts der verzweifelten Situation von manchen Menschen hier und dem Ausmaß der Probleme, die meiner Meinung nach nur politisch gelöst werden können. Sichere Fluchtwege und ein solidarischer Umgang mit den Menschen, die ihre Heimatländer verlassen mussten, sind die einzig mögliche Lösung, alles andere ist Symptombehandlung.

Die Menschen hier kommen aus vielen verschiedenen Ländern, sehr viele aus Nordafrika, von wo sie ohne Visum nach Istanbul fliegen können, bis vor kurzem aus einigen Ländern sogar noch bis Serbien. Von dort machen sie sich auf die Balkanroute, wo sie dann mit denen aus dem nahen Osten zusammentreffen und gemeinsam bleiben alle in Velika Kladuša hängen. Im allgemeinen spricht man hier nicht von Flüchtlingen, sondern von Migranten, auch diejenigen die ihnen wohlgesonnen sind. Ich weiß nicht, ob es einen ähnlichen Diskurswechsel gegeben hat wie bei uns, wo es ja eine Strategie von ÖVP und FPÖ war, vom Flüchtlingsbegriff wegzukommen, der eben bestimmte Rechte impliziert, oder ob es von Anfang an so war. Andererseits behagt mir diese Einteilung der Menschen, die hier unterwegs sind, in „gute“ Flüchtlinge und „böse“ Migranten sowieso nicht. Wer sich das hier antut, hat gewichtige Gründe dafür und darüber sollten wir uns nicht anmaßen zu urteilen.

Diese Fluchtroute ist nun seit etwa einem Jahr aktiv. Während im Kanton Una-Sana am Beginn Chaos pur herrschte und nahezu nur die Zivilgesellschaft Unterstützung anbot (siehe hier), hat sich die Lage nun durch die Lager (in Bihać gibt es übrigens zwei, noch eine Korrektur zum ersten Beitrag) und die Anwesenheit von IOM doch einigermaßen „normalisiert“, wenn auch auf einem erbärmlichen Niveau. Damit wurde aber auch die unerträgliche Situation an der Grenze auf Dauer gestellt, weil die internationale Gemeinschaft offenbar der Meinung ist, damit genug getan zu haben und politische Lösungen ausbleiben, die EU das Problem einfach ignoriert.

Die offiziellen Statistiken sprechen derzeit von etwa 4.000 Flüchtlingen / Migrant*innen in Bosnien. Ich nehme an, dass das die Zahl derer ist, die in den Lagern erfasst sind. Zumindest in dieser Region hier leben sicher noch einmal so viele Menschen außerhalb des Lagers, wie drinnen. Sie können dann auch auf keinerlei Versorgung zurückgreifen. Sie haben – falls sie nicht selbst Geld haben, was durchaus vorkommt, aber für viele nicht zutrifft – keinen Zugang zu Essen, zu Wohnung, zu Kleidung und auch nicht zu medizinischer Versorgung, weil das lokale Krankenhaus (das anscheinend die Aufgabe hat, die bei uns niedergelassene Ärzte haben) diese Menschen nicht behandelt, weil sie sagen, das wäre Aufgabe der IOM. Viele leben in leerstehenden Häusern, haben dort weder Wasser noch Strom, natürlich auch keine Heizung, häufig kochen sie mit Campingkochern, so sie Geld für Essen und Gaspatronen haben. Nach welchen Prinzipien im Lager Miral am Stadtrand von Velika Kladuša Menschen aufgenommen oder abgewiesen werden, weiß ich nicht. Was ich weiß ist, dass manche nachts über den Zaun klettern, um zumindest dort schlafen zu können.

Die Menschen, die hier den Flüchtlingen noch helfen, stehen unter immer stärkerem Druck, sind häufig erschöpft, ausgebrannt und fühlen sich allein gelassen. Diejenigen, die nicht (mehr) helfen, werden mehr. SOS Kladuša und die NoNameKitchen verfügen noch über viele Sachspenden, die aus allen möglichen Ländern Europas kommen, haben aber nur sehr beschränkte Möglichkeiten, sie weiterzugeben. Wir „Volontourists“ haben verschiedene Wege gefunden, das trotzdem zu tun, aber es geschieht halt nicht so systematisch wie es notwendig wäre. Wer etwas bekommt hängt vom Zufall ab, auch davon, wer als erster da ist. Gibt es irgendwo Essen oder Schuhe – natürlich immer zu wenig für alle – wird die Stimmung durchaus aggressiv. Manche verhalten sich so fordernd bis unverschämt, dass ich S und R in ihrem Telefonladen wirklich bewundere, wie sie dabei die Ruhe bewahren – und mich frage, wie lange sie das noch schaffen. Sie verkaufen nicht nur SIM-Karten und Powerbars, sondern laden auch Handys auf, waschen mal Wäsche, geben ihre Unterschrift für Geldsendungen her usw. und müssen sich dabei auch gut abgrenzen können, weil sie eben nicht allen helfen können und die anderen dann wütend werden. Es gibt auch noch einige andere Orte in der Stadt, die eine ähnliche Rolle spielen. Da ist etwa der Besitzer einer Bar – selbst vor vielen Jahren eingewandert – der unermüdlich Menschen hilft wo es geht und dann und wann alle rauswirft, plötzlich nur mehr Bosnisch spricht und den Rest des Tages nicht mehr auftaucht. Der Zustand auf den es hinaus läuft ist: kaputte Menschen helfen kaputten Menschen, während sich die Satten nicht kümmern.

Während sich hier also manche immer noch bemühen, die Situation für alle Beteiligten einigermaßen erträglich zu gestalten, hat die Stadtregierung auf Anfrage von Ärzte ohne Grenzen festgestellt, dass sie keine Probleme sähe und daher auch keinen Grund zum Handeln …

Mit dem wärmeren Wetter machen sich auch die Menschen wieder auf den Weg, die weiter im Süden oder Osten den Winter verbracht haben und man weiß jetzt schon, dass die Zahl der Migrant*innen hier zunehmen wird, auch wenn nun auch Bosnien beginnt, seine Grenzen zu Serbien und Montenegro dichter zu machen. Das verlagert das Problem nur wieder weiter nach Osten. Und trotzdem gibt es keinerlei Lebenszeichen von den offiziellen zuständigen Stellen auf irgendeiner Ebene, nach dem Motto: wenn wir nicht hinschauen, verschwindet das Problem von selbst.

Der zentrale Punkt, der für mich alles hier so widersprüchlich macht, ist dieses „Spiel“. Alles in der Stadt dreht sich darum, nicht nur bei denen, die es spielen, sondern auch bei denen die sie unterstützen. Die Frage ist weniger, was brauchen die Menschen hier zum Leben, sondern was könnten sie brauchen für das Spiel. Wenn wir den Menschen Schuhe geben, dann wollen sie nur solche, die für das Spiel geeignet sind. Normale Straßenschuhe, auch guter Qualität, weisen sie empört zurück. Die Situation hier in Kladuša ist anders als in anderen Lagern, weil hier fast nur diejenigen bleiben, die in dem Spiel mitspielen wollen. Das sind meist eher jüngere Männer und dieses Spiel verändert die Menschen auch, ihr ganzes Leben scheint dann zum Spiel zu werden und alles was sie tun richtet sich darauf ihre Chancen zu verbessern. Und es erfordert eine andere Art der Unterstützung, mit der man sich automatisch zum Mitspieler in diesem Spiel macht – we all are part of the game …

Beim Essen und auch bei Schuhen und Kleidern ist es ja so, dass die Menschen das selbstverständlich brauchen, egal ob sie über die Grenze gehen oder nicht. Diese Grundversorgung steht außer Zweifel. Wenn es aber um Schlafsäcke geht oder um Smartphones so sind die natürlich auch notwendig, wenn Menschen tagelang heimlich durch Kroatien und Slowenien wandern. Allerdings wird ja der größte Teil der Menschen von der kroatischen Polizei aufgehalten, die ihnen die Schlafsäcke wegnimmt und die Handys zerstört. Hier ein aktueller Bericht von Amnesty International. Das heißt, wenn sie das nächste Mal versuchen, über die Grenze zu gehen, brauchen sie alles wieder neu. Abgesehen davon, dass wir eh fast keine Schlafsäcke mehr und gar keine Handys haben, stäubt sich einiges in mir, diese Art der Unterstützung zu bieten, weil es das Spiel verlängert. Irgendwo in Kroatien muss es entweder ein riesiges Lager an Schlafsäcken geben oder jemand hat eine lukratives Geschäft aus dem Verkauf von Schlafsäcken gemacht. Ich will sicher niemanden davon abhalten, Schlafsäcke oder Smartphones zu spenden, er oder sie muss sich aber darüber im klaren sein, dass die Chance hoch ist, dass sie beim nächsten Mal, wenn die Menschen „go for the game“, weg bzw kaputt sind. Ich würde es nicht tun – auch wenn mir klar ist, dass manche diesen Satz als Verrat auffassen werden …

Ich fände es aber ganz großartig, wenn es möglich wäre, das Restaurant wieder zu öffnen, wofür es Moment gute Chancen zu geben scheint. Denn das ist wirklich ein sinnvolles Projekt, es gibt Menschen hier Arbeit, die sonst keine hätten und deckt Grundbedürfnisse unabhängig vom „Spiel“ und nicht nach dem Zufallsprinzip.

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