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Warum Bosnien…

… und warum Velika Kladuša?

Also, erstens: weil ich in der derzeitigen Situation das Gefühl habe, alles ist besser als zu Hause zu sitzen und nichts zu tun. Ich fürchte, wir sind schon wieder soweit, dass sich mitschuldig macht, wer zuschaut und nichts tut – sofern er oder sie kann. Wenn es als Erfolg gilt, wenn weniger Menschen auf der Flucht nach Europa kommen und mehr abgeschoben werden, muss man hinschauen, um welchen Preis dieser Erfolg erkauft wird.

Daher, zweitens: ich habe Zeit, das Elevate Festival ist vorbei, ich bekomme eine Pension, ich habe keine Betreuungspflichten, wer wenn nicht ich sollte es tun.

Und schließlich, drittens: Ich habe mich in den letzten Monaten viel mit der Situation an Europas Grenzen beschäftigt, mit der menschenverachtenden, zynischen Asylpolitik der EU, die ja besonders Herr Kurz während des österreichischen Ratsvorsitzes vorangetrieben hat, aber die meisten sind im willig gefolgt. Ich habe mich bei der Seebrücke engagiert und eigentlich war auch ein Beitrag geplant mit dem Titel „Warum Seebrücke?“, vielleicht kommt er ja noch ;).

Aber ich bin keine Seefahrerin und die EU hat nicht nur eine Südgrenze sondern auch eine Ostgrenze – und die liegt uns näher, etwa vier Autostunden von Graz, und von der hört man wenig. Auch dort sterben Menschen, wenn auch nicht so viele. Seit Herr Kurz die Balkanroute geschlossen hat, sind dort Menschen praktisch gefangen, sie können nicht vor und nicht zurück. Sie haben keine Hoffnung und keine Zukunftschancen. Sie leben auf den griechischen Inseln, in Serbien und Bosnien unter menschenunwürdigen Bedingungen, sind Willkür und Gewalt ausgesetzt. Beim Versuch, die Grenze zu Kroatien überqueren, werden sie häufig mit Gewalt zurückgetrieben – ein Verstoß gegen das in der Flüchtlingskonvention enthaltene Refoulmentverbot, das besagt, dass jemand, der um Asyl ansuchen will, nicht ohne Abklärung seines Anspruchs zurückgeschickt werden darf. Und weil ich eben SOS Kladuša kannte und den Aufruf bekam, dass Volonteers gesucht werden, habe ich mich entschieden hinzufahren.

Weil ich zeigen will, dass es auch ein anderes Europa, ein anderes Österreich gibt. Weil, wenn ich den Menschen schon nicht helfen kann, sie wenigstens in dieser ausweglosen Situation nicht alleine lassen will. Weil ich denke, dass wir einen Beitrag leisten müssen, bei der Versorgung der Menschen, die durch unsere Schuld hier festsitzen.

Aber auch, weil ich mich persönlich informieren möchte, was genau dort vor sich geht, wer sich dort engagiert, von wo Geld kommt, was mit den Menschen auf der Flucht geschieht. Denn ich möchte gerne auf diese Situation bei uns in Österreich und Deutschland aufmerksam machen, auch für sie Solidarität einforden, nicht nur für die Seenotrettung. Warum nicht auch eine „Landbrücke“ gründen? Ja, es gibt sicher noch bessere Namen, vielleicht fällt euch ja was ein ;). Dass sich die Gruppen hier gerade beginnen, neu aufzustellen und ich dabei mitdenken darf und vielleicht helfen kann internationale Netzwerke aufzubauen, trifft sich gut.

Wie gegen die Toten im Mittelmeer bräuchte es auch eine breite Bewegung gegen die untragbare Situation am Balkan. Aber das ist halt nicht so spektakulär wie Seenotrettung und es gibt nicht soviel Öffentlichkeit. Die Seenotrettungsorganisationen haben ja große Summen an Geld gesammelt – was ich ganz großartig finde, weil es zeigt, dass es offenbar viele Menschen gibt, denen das wichtig ist und die mit der EU-Politik nicht einverstanden sind. Dadurch haben sie eine breite Öffentlichkeit erreicht und kommen immer wieder in den Medien vor.

In Bosnien ist die Situation nicht so schlimm wie in Libyen, es gibt hier keine Folterlager und keinen Menschenhandel. Gewalt gibt es auch hier. Wenn Menschen monate- und jahrelang in Lagern leben, ohne Privatsphäre, oft traumatisiert sind und jede Hoffnung verlieren; wenn die Menschen, die in diesen Lagern arbeiten, weder in Psychologie noch in Sozialarbeit, sondern im Sicherheitsdienst geschult sind, dann sind Gewaltausbrüche vorprogrammiert. Aber, soweit ich das sehen kann, funktioniert sie nicht systematisch und gehört nicht zum Geschäftsmodell wie bei der libyschen Küstenwache. Systematische Gewalt dürfte es allerdings von Seiten der kroatischen Polizei geben, was innerhalb eines EU-Landes noch mehr Skandal ist.

Probleme gibt es auch hier genug, nur ein Beispiel: vorgestern hat eine Familie mit einem Baby und einem Kind versucht über die Grenze zu kommen und wurde natürlich zurückgeschickt, wobei einer der Männer offenbar von der kroatischen Polizei am Kopf verletzt wurde. Die Leute wollten sich im Lager anmelden und wurden nicht aufgenommen. Daraufhin haben sie sich vor dem Camp einfach auf die Zufahrtsstraße gesetzt, das Baby auf die Straße gelegt. Das war natürlich provokant, denn sie hätten sich auch in die Wiese setzen können. Aber so haben sie zumindest erreicht, dass IOM für die beiden Frauen und Kinder ein Hotel organisiert hat, wo der Rest ist, weiß man nicht.

Was Bosnien vor allem von Libyen unterscheidet: hier engagieren sich seit 2017 viele Menschen aus der Zivilgesellschaft bei der Unterstützung und Begleitung von Flüchtlingen, obwohl die Menschen selbst nicht viel haben, versorgen sie die Flüchtenden mit Essen, Kleidung, sorgen auch oft für Unterkunft und medizinische Behandlung, weil Regierung und UNO ihre Aufgaben nicht erfüllen. Hier gibt es einen guten Bericht über die Lage im Sommer 2018, inzwischen gibt es ja mehr Lager und den Menschen, die helfen wollen, wird es zunehmend schwerer gemacht. Dass es auch interne Gründe dafür gibt, dass es im Moment in Velika Kladuša gar keine Versorgung von Flüchtlingen außerhalb des Lagers gibt, Konflikte zwischen Personen und Gruppen – wie überall halt, wo Menschen arbeiten – erfahre ich gerade langsam, nimmt aber die EU nicht aus der Verantwortung. Wir, aus den reichen EU-Ländern, sollten auch die Menschen hier nicht alleine lassen.

Hier einige Webseiten, die immer wieder über die Situation informieren:
Are you Syrious
-> ZB hier
No Name Kitchen
Border Violence Monitoring
-> Hier Infos zur Balkanroute
-> Hier die Erklärung zum non-refoulment-Prinzip
Im Standard gab es heute einen Bericht mit aktuellen Zahlen aus Bosnien.

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