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Mut für Commoning

Rezension des Buches

Silke Helfrich / David Bollier: Frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons. transcript Verlag 2019, 400 Seiten, 19,99 Euro.

Zuerst erschienen in Contraste – Zeitung für Selbstorganisation

Dieses Buch ist das letzte einer Commons-Trilogie des transcript Verlags, unter einer Creative-Commons-Lizenz erschienen und als pdf frei verfügbar. Die Bücher spiegeln die Entwicklung des aktuellen Commons-Diskurses, was die AutorInnen zu einer grundsätzlich anderen Herangehensweise veranlasste.

Da sind erstens die Begrifflichkeiten: Commons seien als Praktiken der Bedürfnisbefriedigung Teil der »Wirtschaft«, mit den Begriffen, mit denen derzeit Wirtschaft verhandelt wird, jedoch nicht beschreibbar und würden daher unsichtbar. So beginnt das Buch damit, einen »commonsfreundlichen« Begriffsrahmen abzustecken, der nicht Dinge, Ressourcen oder autonome Individuen zum Referenzpunkt wählt, sondern Prozesse und Beziehungen – zwischen Menschen und zur nichtmenschlichen Umwelt. Das »Ich« wird zu einem »Ich-in-Bezogenheit« was auch alle anderen Kategorien verändert.

Zweitens wird in dem Buch konsequent ein systemtischer Blickwinkel eingenommen, der der Komplexität der aktuellen Problemlage angemessen ist. Der Versuchung der Komplexitätsreduktion widerstehen die AutorInnen soweit, dass sie auf eine eindeutige Definition von »Commons« verzichten und sich darauf konzentrieren, wie »Commoning« als Praxis funktioniert. Weil die Regeln nach denen Menschen sich selbst organisieren lokal so unterschiedlich sind, gibt es keine Gebrauchsanweisung. Die Gemeinsamkeiten werden über das das Konzept der »Muster« des Architekten Christopher Alexander erfasst. Aus dem Vergleich verschiedener Commons werden Muster für die Lösung der immer wieder auftauchenden Probleme herausgearbeitet, die in jedem Commons auf spezifische Weise umgesetzt werden müssen. Der Beschreibung dieser Muster anhand von unterschiedlichen Beispielen widmet sich der zweite Teil des Buches in drei Themenbereichen: Soziales Miteinander, sorgendes & selbstbestimmtes Wirtschaften und Selbstorganisation durch Gleichrangige. Diese Bereiche stehen für die Aspekte des Sozialen, des Ökonomischen und des Institutionellen, deren Verknüpfung für alle Commons konstitutiv ist.

Drittens werden, klarer als in den beiden ersten Büchern, Kapitalismus und die aktuelle Form des Staates als Feinde des Commoning ausgemacht. Der letzte Teil beschäftigt sich daher mit den Fragen, wie notwendige Ressourcen dem Markt und dem kontrollierenden Einfluss des Staates entzogen werden können, wobei vielfältige Formen des Eigentums eine zentrale Rolle spielen.

Das Buch soll, laut Klappentext, Mut machen. Mut für den Weg in eine freie, faire und lebendige Gesellschaft. Ungewohnte Begriffe, die Komplexität und der Verzicht auf einfache Lösungsvorschläge machen allerdings die Lektüre durchaus anspruchsvoll. Der Weg in eine solche Gesellschaft ist möglich, aber er ist anstrengend und mit Stolpersteinen gepflastert. So mancheN könnte der Mut dabei auch unterwegs verlassen.

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